Griechische und Albanesische Märchen

Johann Georg von Hahn

[Extracted from vol. 2, 1864, pp. 67-70.]




OCR German
 

73. Filek-Zelebi.

Es war einmal eine arme Frau, die hatte drei Töchter und ernährte sie von Kräutern, die sie sammelte. Eines Tages war sie wieder beim Kräutersuchen und fühlte sich so erschöpft, daß sie sich niedersetzte und aus tiefer Brust: "ach!" stöhnte.

In demselben Augenblicke stand ein Mohr vor ihr und fragte sie: "was willst Du von mir?" "Ich will gar nichts von Dir," antwortete die Alte, "und ich sagte weiter nichts als: ach! weil ich mich so ermüdet fühlte." Darauf fragte sie der Mohr: "hast Du Kinder?" "Ja wohl," antwortete die Alte, "ich habe drei Mädchen, und weiß nicht, wie ich sie ernähren soll."

Da machte der Mohr mit ihr aus, daß sie ihm ihre älteste Tochter bringen solle, die er zu sich nehmen wolle, und als sie ihm die Alte brachte, gab er ihr eine Handvoll Goldstücke, nahm das Mädchen mit sich, bis er an eine Felsenthüre kam, die machte er auf und ließ das Mädchen hinein gehen.

Am Abend gab der Mohr seiner Braut einen Menschenkopf zum Essen und verschwand dann. Das Mädchen aber warf den Kopf unter das Dach und legte sich hungrig zum Schlafen.

Am andern Morgen kam der Mohr wieder und fragte das Mädchen: "hast Du den Kopf gegessen?" und als das Mädchen das bejahte, rief er "he Kopf! wo bist Du?" und jener antwortete "hier unter dem Dache, Herr!"

Da sprach der Mohr zu dem Mädchen, "geh zu deiner Mutter und sage ihr, sie solle mir ihre zweite Tochter bringen."

Darauf brachte ihm die Alte ihre zweite Tochter, und dieser gab der Mohr am Abend einen Menschenfuß als Nachtessen und verschwand.

Das Mädchen konnte sich jedoch nicht entschließen, davon zu essen, sie warf also den Fuß hinter die Oelkrüge und legte sich hungrig schlafen. Am andern Morgen erschien der Mohr wieder, und fragte das Mädchen: "Hast du den Fuß verzehrt?" und als sie das bejahte, rief er: "he Fuß! wo bist du?" und dieser antwortete: "hinter den Oelkrügen, Herr!"

Da jagte er auch diese fort und ließ sich die jüngste Tochter bringen, und der gab er am Abend eine Menschenhand zum Nachtessen und verschwand.

Die Jüngste war aber klüger als ihre Schwestern, denn sie band sich die Hand auf den Leib und zog ihre Röcke darüber. Als nun der Mohr am andern Morgen wiederkam, und rief: "he Hand! wo bist du?" da antwortete diese: "im Leibe der Braut!" und der Mohr sprach: "du bist die rechte," und behielt sie bei sich, und sie hatte ein gutes Leben bei ihm. Jeden Abend gab er ihr einen Trank, von dem schlief sie sogleich ein, und dann legte er sich zu ihr.

Nach geraumer Zeit machten sich ihre Schwestern auf, um sie zu besuchen, und fragten sie, wie sie mit dem Mohren lebe, und sie antwortete: "ganz gut, aber jeden Abend giebt er mir einen Trank, von dem ich sogleich einschlafe, und daher weiß ich nicht, was in der Nacht vorgeht, und ob er ein Mohr bleibt, oder seine Gestalt
wechselt." Da sagten ihr die Schwestern: "weißt du was? binde dir einen Schwamm auf die Brust und statt den Trank zu trinken, laß ihn in den Schwamm laufen."

Die junge Frau machte es, wie ihr die Schwestern gerathen hatten; sie ließ den Schlaftrunk in den Schwamm laufen und stellte sich, als ob sie schliefe; und wie sie dann die Augen öffnete, erblickte sie einen schönen Jüngling neben sich, der sie liebkoste. Da wartete sie, bis er eingeschlafen war, und fing dann auch an ihn zu umarmen und zu liebkosen. Während sie ihn so hätschelte, bemerkte sie auf seiner
Brust ein goldenes Schloß mit einem goldenen Schlüsselchen. Da öffnete sie es mit dem Schlüsselchen und erblickte darin eine schöne Landschaft mit einem Flusse, an dem die Weiber wuschen; zu denen kam ein Schwein und wollte ein Stück Wäsche rauben, und als sie das sah, rief sie: "he Frau! das Schwein will dir deine Wasche rauben."

Von diesem Rufe erwachte jener und sprach: "ach, was hast du angestellt? wer hat dir dies gerathen? nun wirst du mich verlieren." Da fing die junge Frau an zu klagen und zu jammern, jener aber blieb fest."Du bist bereits schwanger, und wenn du gewartet hättest, bis du geboren hast, so würdest du mich in meiner wahren Gestalt, als Filek-Zelebi, und nicht mehr als Mohr gesehen haben. Jetzt bleibt dir nur ein Weg, mich wieder zu gewinnen. Du mußt dir drei Paar eiserne Schuhe und drei goldene Aepfel machen lassen. Dann mußt du das eine Paar Eisenschuhe anziehen, und den einen Goldapfel in die Hand nehmen und jenen Berg hinaufsteigen, und wenn du oben bist, so mußt du den Apfel hinwerfen, der wird vor dir herrollen und dir den Weg zu der Thüre meiner ältesten Schwester zeigen." Nachdem er dies gesagt hatte, verschwand er vor ihren Augen.

Die Frau machte es, wie er ihr angegeben hatte, sie ließ sich die eisernen Schuhe und die goldenen Aepfel machen, und als diese fertig waren, zog sie ein Paar davon an und nahm einen Apfel in die Hand und stieg damit auf den Berg. Sie brauchte aber drei volle Monate, bis sie hinauf kam, und als sie oben war, da ließ sie den Apfel vor sich herrollen und kam so bis zur Thüre der ältesten Schwester des Filek-Zelebi.

Da klopfte sie an und blieb die Nacht über dort; am andern Morgen sah sie, wie sie im Hause goldene Zeuge webten. Da fragte sie die Hausfrau: "was bedeutet das? was wollt ihr aus dem Zeuge machen?" und diese antwortete: "die Frau meines Bruders Filek-Zelebi wird nächstens niederkommen und da brauchen wir Windeln." Diese aber sagte nichts darauf, sondern zog ihr zweites Paar Eisenschuhe an, und stieg drei Monate lang den zweiten Berg hinauf.

Als sie oben war, warf sie den zweiten Apfel hin, und der brachte sie zu der Thüre ihrer zweiten Schwägerin. Sie klopfte an und bat die Hausfrau, sie über Nacht zu beherbergen, und als sie diese zu bleiben einlud, sah sie, daß man im ganzen Hause an goldenen Kleidern nähte. Da fragte sie, was das zu bedeuten habe, und die Hausfrau antwortete: "die Frau des Filek-Zelebi, meines Bruders, wird nächstens niederkommen und dafür brauchen wir die Kleider," Die Fremde aber sagte nichts darauf, sondern stieg am andern Morgen mit dem dritten Paar Schuhe den dritten Berg hinauf, und als sie nach drei Monaten oben war, ließ sie den dritten Apfel rollen, und der brachte sie zu der Thüre ihrer jüngsten Schwägerin.

Als sie eintrat, fand sie alles im Hause geschäftig, Decken um Weißzeug zurecht zu legen und einzupacken.

Da fragte sie: "was geht vor?" und die Hausfrau antwortete ihr: "die Frau des Filek-Zelebi wird noch heute Abend niederkommen und darauf richten wir uns ein." Wie das die Fremde hörte, wurde sie von den Wehen ergriffen und sprach: "wartet ein bischen, bis ich geboren habe, und geht dann erst zu der andern."

Darauf kam sie mit einem Knaben nieder, der auf der Brust ein goldenes Schloß hatte; und als das die Hausfrau sah, rief sie: "das ist der Sohn meines Bruders und das ist seine Frau," und kaum hatte sie das gesagt, so kam auch der Filek-Zelebi herzu, und nun stellten sie eine große Hochzeit an und lebten herrlich und in Freuden.
 

English Translation*
by
Marianne C. Herdt

* © M. C. Herdt 2014.

[p.67]

Once there was a poor woman who had three daughters and fed them herbs which she gathered. One day she was searching for herbs again and felt so exhausted that she sat down and groaned deeply from her chest: "ah!"

At that moment a Moor stood before her and asked her, "What do you want from me?" "I do not want anything from you," the old woman replied, "and I said nothing more than: ah! because I felt so tired." Thereupon the Moor asked her: "Do you have children?" "Yes, indeed," answered the old woman, "I have three girls, and I do not know how to feed them."

So the Moor arranged with her that she should give him her eldest daughter, who he wanted to take, and when the old woman brought the girl to him, he gave her a handful of gold pieces, took the girl with him until he came to a rock door, which he opened and let the girl go inside.

In the evening the Moor gave his bride a human head to eat and then disappeared. The girl tossed the head under the roof and lay down to sleep, still hungry.

The next morning the Moor came back and asked the girl: "Did you eat the head?" And when she affirmed she had, he cried "Hey head! where are you?" and it replied "Here under the roof, Master!" So the Moor spoke to the girl, "Return to your mother and tell her to bring me her second daughter."

Thereupon the old woman brought to him her second daughter, and the Moor gave her in the evening a human foot for dinner and disappeared.

[p.68]

But the girl could not bring herself to eat it, so she threw the foot behind the oil jars and went to sleep, still hungry.

The next morning the Moor reappeared and asked the girl: "Have you eaten the foot?" And when she affirmed she had, he shouted: "Hey foot, where are you?" and it replied: "Behind the oil jars, Master!" Then he drove her away as well and had the youngest daughter brought to him, and in the evening he gave her a man's hand for dinner and disappeared.

But the youngest was wiser than her sisters because she tied the hand on her belly and pulled her skirts over it.

Now when the Moor came back the next morning and shouted: "Hey hand, where are you?" it replied: "In the belly of the bride!" and the Moor said, "You're the right one," and kept her with him. She thereafter had a good life with him. Every evening he gave her a potion which made her fall asleep immediately, and then he laid down beside her.

After some time, her sisters went to visit her, and they asked how she lived with the Moor, and she replied, "Pretty good, but every night he gives me a potion from which I fall asleep immediately, and therefore I do not know what goes on in the night, if he remains a Moor, or if he changes his shape." To that her sisters said, "Do you know what? Tie a sponge on your chest and instead of drinking the potion, let it run down into the sponge."

The young woman did as her sisters advised; she let the sleeping potion run down into the sponge, and pretended to be asleep. When she then opened her eyes, she saw a fair youngling* before her, who caressed her. So she waited until he was asleep, and then also began to embrace and caress him. Whilst she was fondling him that way she noticed on his breast a golden lock with a little golden key. So she opened it with the little key, and saw inside a beautiful landscape with a river, where the women did the washing, to whom came a pig that wanted to steal a piece of laundry. When she saw this, she cried out: "Hey [p.69] woman! The pig wants to rob your washing!"

From this call the young man awoke and said, "Oh, what did you do? Who advised you to do this? Now you're going to lose me." Then the young woman began to complain and whine, but he stood firm."You're already pregnant, and if you had waited until you had given birth, you would have seen me in my true form, as Filek-Zelebi, and no longer a Moor. Now there is only one way left for you to win me back. You have to get three pairs of iron shoes and three golden apples made. Then you have to put on the first pair of iron shoes, and take a golden apple in the hand and climb up that mountain. And when you get to the top, then you have to throw the apple down, it will roll down and show you the way to the door of my oldest sister." After he had said this, he disappeared before her eyes.

The woman did as he specified, and started to make the iron shoes and get the golden apples. When she finished the shoes, she pulled them on, and took an apple in her hand and climbed up the mountain.

But she needed three full months until she came to the top, and when she was on top, there she let her the apple roll in front of her and so it came to the door of the oldest sister of Filek-Zelebi.

Then she knocked on the door and spent the night there; the next morning she saw how they wove golden cloth in the house. Then she asked the housewife: "What does this mean? What do you want to make from the cloth?" And she replied, "The wife of my brother Filek-Zelebi will soon come down and then we need nappies." However, she [the young woman] said nothing, but put on her second pair of iron shoes, and went for three months up the second mountain.

When she reached the top she threw the second apple, and this guided her to the door of her second good sister [sister-in-law]. She knocked and asked the housewife to let her stay overnight. And when the housewife invited her to stay, she saw that there were golden clothes sewn everywhere in the house. Then she asked what it meant, and the housewife replied: "The wife of Filek- [p.70] Zelebi, my brother, will come down ere long, and we need clothes."

The stranger said nothing to that, but the next morning went with the third pair of shoes up to the third mountain, and when after three months she was on top, she let roll the third apple, and this guided her to the door of her youngest good sister [sister-in-law].

When she entered, she found everyone busy in the house laying covers around white cloth and packing it.

Then she asked: "What's going on?" The housewife answered her: "The wife of Filek-Zelebi will come down this evening and we are preparing ourselves." As the stranger heard this she was seized by labour-pains and said: "Wait a bit until I give birth, and afterwards go to the other."

After that she gave birth to a baby boy who had a golden lock on his chest; and when the housewife saw that, she exclaimed: "This is my brother's son, and this is his wife," and hardly, just as she finished saying the words, she had spoken when Filek-Zelebi appeared and now they made a big wedding and lived in mirth and splendour every day happily** ever after.

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* Or a beautiful youth, a handsome young man, or, if one prefers, a pulchritudinous sapling, etc.
** Or a life of ease, off the fat of the land, in clover, etc.