PSEUDO-HERACLITUS

Epistle 9

[Extracted from Bernays' Die heraklitischen Briefe, 1869, pp. 90-6, in Greek and German
see here for an English translation and here for an alternative Greek and Latin version.]

IX






IX.

An denselben. Wie lange noch, Hermodoros, werden die Menschen schlecht sein? und zwar sind sie es nicht mehr jeder für sich in seinem Einzelleben, sondern auch ganze Städte in ihrem öffentlichen Leben. Die Ephesier verbannen dich, den besten der Männer. Aus welchem anderen Grunde als weil du in deinen Gesetzen den Freigelassenen bürgerliche Gleichheit und ihren Kindern den Zutritt zu den Aemtern gewährt hast? Gleichwohl wird der Freigeboren nicht erst Bürger nachdem er als brav erfunden worden, sondern die Geburt macht, ihn zum Bürger, worauf er dann gezwungen wird brav zu sein, und oft bleibt er, trotz des Zwanges, dennoch schlecht; jene hingegen, welche man nach vorheriger Prüfung und nachdem sie durch ihr Leben ihren Anspruch auf Gleichstellung bewährt haben, der Aufnahme in die Bürgerschaft würdigt, wie viel besser sind sie, da sie wegen ihrer Tugend in die Bürgerlisten eingeschrieben werden. Wie in anderen Dingen so zeigen die Lakedämonier auch hierin ihre Trefflichkeit, dass sie nicht auf Ahnenbriefe hin, sondern auf Grund der Lebensweise zu Bürgern von Sparta erklären. Auch wenn ein Skythe oder ein Triballer oder ein Paphlagoner oder Jemand kommt der gar kein Geburtsland zu nennen weiss, sobald er der lykurgischen Lebensstrenge sich unterzieht, ist er ein Lakone. So bringt denn jedes Mitglied der Bürgerschaft in seinem eigenen Selbst zugleich sein Vaterland mit. Aus jeder Stadt aber verbannt die Schlechtigkeit, auch wenn Jemand mitten unter den Säulen [des Marktes] wohnt. Meines Erachtens ist auch Niemand ein Ephesier, ausser in demselben Sinne wie man von einem ephesischen Hund oder Rind redet; ein ephesischer Mann hingegen muss, wenn er ein braver Mann ist, ein Bürger des Weltalls sein. Denn dieses ist die allen gemeinsame Heimath, in welcher nicht der Buchstabe, sondern Gott das Gesetz ist und der Uebertreter der Ordnung zum Frevler wider Gott wird, oder vielmehr, es wird hier keinen Uebertreter geben, da ein solcher nicht hoffen darf unentdeckt zu bleiben. Zahlreich sind die Rachegeister des Rechts, die Wächter der Vergehen. Hesiodos log, wenn er dreimal Zehntausend als ihre Zahl nannte. Das sind zu wenig; die reichen nicht aus für die Schlechtigkeit der Welt. Die Menge des Bösen ist gross. Meine Mitbürger aber sind die Götter, den Göttern um meiner Tugend willen zugesellt weiss ich wie gross die Sonne ist, die Bösen aber wissen nicht einmal von ihrem eigenen Dasein. Oder fühlen sich die Ephesier dadurch beschämt, dass Sclaven brave Männer sind? Mit Recht schämen sie sich, denn sie selbst sind schlechte Freie, da sie unfreien Leidenschaften unterliegen. Mögen sie aufhören zu sein wie sie sind, dann werden sie in Gemeinsamkeit der Tugend Alle mit Liebe umfassen. Was denkt ihr euch denn, ihr Menschen? Hat Gott, der weder Hunde noch Schaafe, weder Esel noch Pferde noch Maulthiere zu Sclaven schuf, Menschen dazu geschaffen? Und wenn wirklich die Sclaverei ursprünglich bessere Naturen verschlechtert hat, müsst nicht auch hierüber ihr euch schämen, da ja die Sache sowohl wie der Name von euerer Ungerechtigkeit herrührt? Wie viel besser als die Ephesier sind die Wölfe und Löwen; sie machen einander nicht zu Sclaven, kein Adler kaufte je einen Adler, kein Löwe ist Schenke eines Löwen, kein Hund verschnitt je einen Hund, wie ihr es mit dem Megabyzos der Göttin macht, weil ihr Scheu davor hegt, dass ihrer Jungfräulichkeit ein Mann als Priester diene. Wie könnt ihr durch einen Frevel wider die Natur Frömmigkeit dem Holzbild bezeigen? Oder geschieht es etwa, damit der Priester zuerst den Göttern wegen des Verlustes seiner Mannheit fluche? Auch die Göttin verdächtigt ihr der Unkeuschheit, wenn es euch bedenklich ist, ihren Dienst von einem Manne versehen zu lassen. 'Ein Sclave soll sich nicht neben mich setzen und auch nicht mit mir speisen' so sprechen die Ephesier. Ich aber thue den gerechteren Ausspruch: 'jeder brave Mensch setze sich neben mich, speise mit mir' oder vielmehr, er nehme den besseren Platz und die höhere Ehre. Nicht der Stand ist es, dem die Gleichstellung gewährt wird, sondern die Tugend. Worin thut Hermodoros euch Unrecht wenn er die Ephesier erinnert, dass sie alle Menschen sind und Niemand wegen des Zufalls der Geburt über die Natur gross-prahlerisch sich erhebe? Die Schlechtigkeit allein führt in die Knechtschaft, die Tugend allein giebt die Freiheit, nimmermehr ein Mensch, wer es auch sei. Wenn ihr auch andere, obwohl sie brave Menschen sind, wegen zufalliger Standesunterschiede euerer Botmässigkeit unterwerfen, so werdet ihr doch selbst durch euere Begierden zu Sclaven und stehet auch euererseits unter dem Befehl von Herren. Fürchtet ihr denn nicht; ihr Menschen, die Entvölkerung der Stadt? Wozu wollt ihr doch einen Haufen fremder Zuzügler aufnehmen, da ihr billiger Weise denjenigen Aufnahme gewähren solltet, die ihr selbst erzogen und ernährt, durch Drohungen und Züchtigungen und Furcht gebessert habt? Es werden Mächtigere kommen, Hermodoros, die deinen Gesetzen Folge leisten. Hege keinen Groll. Eine Ahnung der Zukunft durchzieht mein Gemüth, in welchem ja jeder Mensch seinen Dämon findet. Wahrlich, Folge leisten werden deinen Gesetzen diejenigen, welchen auch die Weltherrschaft gehören wird, weil sie die Natur nachahmen. Der Körper, der Sclave der Seele, ist zugleich ihr Mitbürger; die Vernunft ärgert es nicht, dass sie mit [den Sinnen,] ihren Dienern, zusammenwohnt; die Erde, der ungeehrteste Theil des Weltalls, ist Herrschaftsgenossin des Himmels; und der Himmel verläugnet nicht den vergänglichen Erdboden, so wenig wie das Herz, der geweihteste Theil im Korper, die unedelsten Theile, die Eingeweide, verläugnet. Gott zwar bat neidlos Allen ohne Unterschied das Augenlicht angezündet und die Ohren geöffnet, und von Geschmack und Geruch, von Gedächtniss und Hoffnung und Sonnenschein hat er die Sclaven nicht ausgeschlossen, da er alle Menschen zu Bürgern des Weltalls erkor; die Ephesier hingegen halten wohl ihre Stadt für aberweltlich, da sie niemals Theilnahme an den gemeinsamen Rechten gestatten. Sehet euch vor, dass ihr nicht frevelt, indem ihr den göttlichen entgegengesetzte Verwaltungsregeln befolgt. Wollt ihr denn immer von den Sclaven gehasst werden, sowohl wegen dessen worin sie früher euch zu Willen waren, wie wegen der Zurücksetzung die sie nachträglich erfahren? Weshalb gabt ihr ihnen denn die Freiheit, wenn ihr sie nicht für würdig hieltet? Etwa weil, sie eueren Lüsten dienten? Da wollt ihr also ihnen zürnen, weil sie in ihrer unglückliehen Lage zu solchen Diensten sich verstanden, und nicht vielmehr euch selbst, weil ihr in euerer Schlechtigkeit dergleichen von ihnen fordertet? Jene waren bemitleidenswürdig, da sie aus Furcht sich zu dem Schlechten herbeiliessen, ihr aber wart fluchwürdig, da ihr das Verwerfliche von ihnen fordertet. Damals dientet ihr knechtisch grimmigeren Herren und noch jetzt stehet ihr unter der Knechtschaft der Furcht vor eueren früheren Untergebenen. Was wollt ihr denn nun? Sollen sie alle insgesammt aus der Stadt ziehen und eine eigene Stadt sich gründen unter Flüchen gegen euch und nachdem sie die Aufhebung jedes Verkehrs auch für Kindeskinder beschlossen? Ihr streut den Saamen zu Kriegen aus für euch selbst, Ephesier, wie in Zukunft für euere Kinder gegen die von jenen zu erwartenden Kinder. Nun, Hermodoros, die Ephesier mögen für sich selbst sorgen, du aber lebe so wohl wie du vortrefflich bist.